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Das Geheimnis von Hannah Arendts Charme, Avner Shapira, „Ha’aretz“,Dezember 2005

Das Geheimnis von Hannah Arendts Charme

Anlässlich des sich zum 30. Mal jährenden Todestages von Hannah Arendt, stellt der israelische Künstler Shy Abady eine Portraitausstellung in Frankfurt a. M. aus, die auf Fotografien dieser jüdisch-deutsch-amerikanischen Philosophin basiert

Avner Shapira
Korrespondent der israelischen Tageszeitung Ha’aretz, Berlin
Dezember 2005*

„Gedanken und Erinnerung sind der Weg, mit dessen Hilfe Menschen Wurzeln schlagen und ihren Platz in der Welt einnehmen – den Ort, an dem wir alle als Fremde ankommen“. So Hannah Arendt in einem Vortrag in New York aus dem Jahr 1965. Das „Hannah-Arendt-Projekt“, die Ausstellung des israelischen Künstlers Shy Abady, befasst sich im hohen Maße mit dem Nachleben der Person Hannah Arendts. Einen großen Anteil ihres Denkens widmete diese Philosophin dem Ort, den die Erinnerung einnimmt, sei es als Grundbedingung für die Konstituierung eines menschlichen Subjekts, aber auch als Waffe, mit deren Hilfe sich der Mensch gegen düstere Regimes wehren kann, wie solche des 20. Jahrhunderts. „Die totalitären Herrscher versuchten Abgründe des Vergessens zu schaffen, in denen alle Taten – gute wie auch schlechte – versinken sollten“, so Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem. „Doch die Abgründe des Vergessens existieren überhaupt nicht. Denn nichts Menschliches ist dermaßen perfekt, dass es ein völliges Vergessen ermöglichen würde. Zudem leben auf der Welt zu viele Menschen, von denen immer einer überleben wird, um die Geschichte zu erzählen.“

Die Geschichte dieser jüdisch-deutsch-amerikanischen Philosophin und Historikerin zu erzählen, ist Abadys Wunsch. Durch das Betrachten ihres Gesichtes versucht er aus der Nähe das Fremde und die Einsamkeit dieser Frau zu ergründen, deren Feinsinnigkeit nicht nur das Geheimnis ihres Charmes sondern auch Quelle der enormen Kritik war, die sich gegen sie richtete. Abadys Ausstellung wird im Jüdischen Museum Frankfurt a. M. anlässlich des Todestages Hannah Arendts gezeigt, der sich am 4. Dezember 2005 zum 30. Mal jährt. Die Ausstellung, die noch bis zum 5. Januar 2006 zu sehen ist, zeigt 18 Arbeiten, meist Portraits, die auf Arendts Fotografien basieren. Einige der Arbeiten sprechen zudem Motive aus ihrer Welt und ihren Schriften an.

„Die Fotos der Arendt, jedoch nicht weniger ihre Bücher, dienten mir als Grundlage, von der aus ich mich auf die Beobachtung ihrer Person begeben habe“, sagt Abady. „Ihr eindringlicher und menschlicher Blick, ihr Kettenrauchen, die kopfstützende Hand und ihr beklemmender Ausdruck gegenüber der Kamera – all dies erschien mir wie ein offenes Buch, das von ihrem eigenen Leben wie auch der jüdisch-europäischen Existenz der Intellektuellen im 20. Jahrhundert berichtet.“

Die Werke beziehen sich auf Verbindungen zwischen Arendts Biografie und zentralen Themen ihres Denkens, so die Wurzeln des Bösen, das Zeitalter des Totalitarismus, das Erleben der Emigration, die deutsche Kultur und die jüdische Existenz. In der Arbeit „Muttersprache“ sieht man Arendt als kleines Mädchen in einem schneeweißen Kleid, an Seite ihrer Mutter, während die Gesichter der beiden geschwärzt sind. In „Totalitarismus“ lehnt sich Arendts Kinn auf ihre Faust, und ihre Augen brennen. In „Smoke“ („Rauch“) wird ihr gelb-schwarzes Gesicht als eine riesige Flamme – fast apokalyptisch – dargestellt, während ihre Zigarette in einem blauen Dunst flimmert.

Abgesehen von seinen Skizzen und Ölgemälden, benutzt Abady teilweise auch einen elektrischen Stift, mit dem er Zeichnungen in eine hölzerne Unterlage einbrennt. „Der Stift brennt in das Holz hinein und erzeugt eine Abbildung. Damit habe ich den Versuch unternommen, Rauch, Feuer, Brand aber auch Traurigkeit und Zerstörung in eine bildliche Darstellung zu übertragen. All dies, infolge Arendts eigener Erfahrung, die Katastrophen zu verstehen und die zerstörte Welt zu dokumentieren. Mein Bestreben war, mit Hilfe von Farben und Symbolen Arendts Erlebnisse und deren Verwandlung im Verlauf der Zeit zu beschreiben und dabei die Ironie zu bewahren, die immer in ihr steckte.“

Die kosmopolitische Option

Abady, Absolvent der „Midrasha“ (Kunstlehrerkolleg) in Ramat-HaSharon, Israel, hat bereits an mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen teilgenommen. Im kommenden Jahr wird er eine Einzelausstellung seiner Werke im Tel Aviver Künstlerhaus zeigen. Einige Kritiken, die sich mit der gegenwärtigen Ausstellung auseinandersetzten, hoben die Tatsache hervor, dass Arendt, die seinerzeit in Israel und in jüdischen Kreisen verschmäht und angegriffen wurde, jetzt im Mittelpunkt einer Ausstellung eines bedeutenden jüdischen Museums in Deutschland steht.

Erik Riedel, Kurator der Ausstellung, schrieb: „Abadys Bilderzyklus kann ein anregender künstlerischer Beitrag zur Auseinandersetzung mit der vielgesichtigen Hannah Arendt in ihrem Jubiläumsjahr beitragen – der Denkerin, der Aktivistin der Jugend-Alija und der Jewish Cultural Reconstruction Organization, der politischen Analystin und der Emigrantin.“ Riedel erinnert an Andy Warhols Siebdruckserie Ten Portraits of Jews of the Twentieth Century von 1980, die unter Verwendung bekannter Fotovorlagen jüdische Persönlichkeiten wie Franz Kafka, Martin Buber oder Sigmund Freud zeigen. Hannah Arendt, obwohl sicherlich die bedeutendste jüdische Protagonistin politischer Philosophie des vergangen Jahrhunderts, fehlt in dieser Serie. „Wie Warhol“, sagt Riedel, „benutzt auch Shy Abady für seine Porträtserie Fotos als Ausgangsmaterial… Anders als bei Warhol entstehen hier aber keine Pop-Ikonen. Abady versucht vielmehr sich in geradezu altmeisterlicher Sfumato-Technik, durch die Fotos der Person anzunähern, Intimität herzustellen.“

Neben Riedels Beitrag befinden sich im Katalog ein Auszug aus Michal Ben-Naftalys Buch Die Visite der Hannah Arendt, das demnächst beim Vereinigten Kibbuz Verlag und dem Van-Leer Institut Jerusalem herausgegeben wird, sowie der Beitrag Oh Hanna von Tali Tamir. Dieser Titel klingt, als käme er aus den Reihen der verschwitzten Tribünen der israelischen Fußballstadien aber auch aus den Kreisen der jungen und leidenden Poeten. Tatsächlich betrachtet Tamir Abadys Projekt durch eine israelische Brille: „Abady ist von Hannah Arendts Bildportrait fasziniert. Nicht nur als Maler sondern auch als Israeli und Jude, der mit wachsamen Sinnen auf die intellektuelle Vitalität und skeptischen Instinkte einer Frau reagiert, deren politische Einblicke und philosophische Erfahrung von der israelischen Gesellschaft zurückgewiesen wurden. Stets wird Arendt, in israelischen Augen, ‚die Jüdin von dort‘, aus der Diaspora, verkörpern – die kosmopolitische jüdische Option, die vom Zionismus frü nichtig gehalten und negiert wurde.“

* Aus dem Hebräischen – Uriel Adiv.